Zwei Männer radelten an ihr vorbei, stiegen ab und fragten wo sie denn hin wolle. Als sie das erklärt hatte, kamen die beiden zurück.
“Wie wollen sie das denn vor der Sperrstunde schaffen?” fragte der eine.
“Ich mache ihnen nen Vorschlag. Setzen sie sich hinten auf mein Rad, halten sie sich an meiner Jacke fest, und sie kommen mit zu uns. Morgen überlegen wir, wie’s weitergeht.” Anna zögerte.
“Oh, Entschuldigung, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Das hier ist Herbert Bender, Cello, und ich bin Markus Kleiber, ich spiele Klavier. Wir versprechen, uns hochanständig zu benehmen. Wie heissen sie denn?”
Ja, sie waren es, hochanständige, wenn auch heute etwas angestaubte Herren, und Anna fuhr mit. Sie hielt sich an Markus Kleibers Schulter fest, und sie fuhren schliesslich etwas wacklig die Masurenallee entlang, und in einer Seitenstrasse stiegen sie in der Auffahrt einer grossen, gut erhaltenen Villa ab. Die Räder schoben sie bis ganz hinters Haus und trugen sie anschliessend in den Keller. Dann ging es über eine enge Hintertreppe in eine gemütliche Küche. Sie setzten die Schätze ab die Herbert Bender mitgeführt hatte, hauptsächlich Gemüse, aber auch eine noble Flasche, der Verpackung nach zu schliessen.
“Das ist nicht etwa unser Haus,” sagte Markus Kleiber, “aber ich würd’s nicht ablehnen, wenn es einer unbedingt verschenken wollte. Wir sind sozusagen die Hausmeister. Es gehört einer Opernsängerin, die zu ihrer alten Mutter nach Süddeutschland gefahren ist. Sie hat uns gebeten, hier nach dem Rechten zu sehen, weil wir Berliner hier bleiben wollten. Sie ist sehr grosszügig, hat uns viel dagelassen, und es geht uns ganz gut. Die Hausschäden halten sich in Grenzen.”
Anna hatte noch keine bemerkt.
“Hätten Sie Lust, mal das Ganze zu besichtigen?” fragte Herbert Bender,”allerdings hat sie viel Kunst und die besseren Möbel ausgelagert. Trotzdem.”
Sie gingen ins Musikzimmer, viermal so gross als das bei Anna zu Hause, das eigentlich eine bessere Diele war. Sie bewunderte den grossartigen Konzertflügel, mit der Bronzebüste von jemand Berühmtem in der Zimmerecke. Dann betrachtete sie das zwei Meter hohe Portrait einer wunderschönen, eleganten aber etwas zaghaft anmutenden jungen Frau.
“Das ist sie natürlich,” sagte Herr Bender, “Sie haben doch schon von ihr gehört, oder?”
“Ja, das schon,” sagte Anna, “aber die einzigen Opern die ich bisher gesehen habe, waren ‘Hänsel und Gretel’ und ‘Der Fliegende Holländer’. Da war sie nicht dabei.”
“Nein, nein, das nicht. Wir wissen auch nicht, warum sie das Bild hier gelassen hat.”
Die hohen Dielen liessen das Haus enorm gross erscheinen. Die feinen Verzierungen an den Zimmerdecken, der Bibliothek und dem Esszimmer, mit ihren Rosetten, Schleifen und Girlanden, erinnerten Anna an Theater aus der Gründerzeit. Trotzdem schienen die Räume nun kalt und leer.
Als sie im Oberstock ankamen, lief Markus Kleiber rasch voraus und schloss die Tür eines belebt aussehenden kleinen Zimmers. Anna bewunderte die handgemalten Kacheln im Bad, im Jugendstil. Dann zeigten ihr die beiden eine Art Ankleidezimmer mit einem Klappbett und eigener Toilette daneben, und versicherten ihr, sie sei dort gut aufgehoben.
Anna wusch sich Gesicht und Hände mit Wasser aus einem grossen Eimer und entfernte die orangene Substanz von ihrer Trainingshose. Dann kämmte sie sich das Haar mit einer wunderschönen silbernen Bürste, sprühte zuletzt sogar ein wenig Eau de Cologne hinters Ohr und sie fühlte sich hundertprozentig verschönt.
Das kleine Apartment der Haushälterin im dritten Stock stand leer. Sie und ihr Mann waren mit ihrer Herrschaft in den Westen ausgewichen.
“So, wollen wir in die Küche zurück? Ich möchte etwas zu essen machen, bevor es ganz dunkel wird, wir haben ja nur Kerzen,” sagte Herbert Bender.
“Lassen sie mich mithelfen,” sagte Anna und sah sich nach Schubladen um.
“Ich kann nicht viel beisteuern, aber ich habe eine Dose Hering in Tomatensosse, frisch aus Beelitz-Heilstätten,” und sie suchte nach einem Dosenöffner.
“Ach, lassen sie mal. Behalten Sie das lieber für morgen,” sagte Herbert Bender. “Wir haben hier noch reichlich Vorräte. Wenn sie mal den Tisch da decken könnten. Gläser sind im Esszimmer.” Und die Herren fanden gekochte Kartoffeln in der Speisekammer, welche Anna in einen sensationellen Kartoffelsalat verwandelte, mit geschnippelten Delikatessgurken und erstem Schnittlauch aus dem Küchengarten.
“Ja, wer von ihnen darf denn nun diese Fenster polieren?” fragte Anna, auf einmal übermütig.
“Naja, das gibt jedesmal ‘nen Kampf, ist doch klar, so Prestigefragen,” sagte Markus Kleiber, “aber wir arbeiten nun schon fünfzehn Jahre zusammen im Orchester, und da lernt man mit so kleinen Eifersüchteleien umzugehen.”
“Fünfzehn Jahre,” sagte Anna, und überlegte, ob es wohl unverschämt wäre, noch ein Stück Schinken zu nehmen und greift stattdessen nach einem Stück Brot.
“Na, fast sechzehn,” sagte Herbert Bender und verteilte die letzten drei Schinkenscheiben gerecht auf alle drei Teller, “wir haben zur selben Zeit angefangen, bald nach unserem Abschluss.”
“Wie ist das eigentlich,” fragte Anna, “sozusagen mit der Oper verheiratet zu sein, mit der Musik so zu leben. Ist das so ideal wie es sich anhört, so glücklich?”
“Ach, natürlich sind wir Glückspilze. Wenn man ehrlich von sich sagen kann, dass man nichts lieber täte, als den erwählten Beruf auszuüben — und das trifft für mich zu — das ist doch ein Glück,” sagt Markus Kleiber. “Und du, Herbert? Naja, du würdest wahrscheinlich einwenden — nein, ich lass dich reden.”
“Ja, ich stimme mit Markus überein. Ich bin zwar mit meiner Frau Irene verheiratet, nicht mit der Oper. Sie und die Kinder sind evakuiert worden. Aber ja, es ist ein wunderbarer Beruf, und wenn wir diesen unbeschreiblichen Albtraum endlich hinter uns haben, wird’s noch besser. Dann finde ich hoffentlich mal mehr Ruhe zum Komponieren.”
“Herbert, ich hab ne Idee. Wie wär’s, wenn wir nach dem Essen der jungen Dame zu Ehren ein Hauskonzert gäben? Wir bringen ihr den guten Sessel ins Musikzimmer und — hätten sie Lust?”
“Und wie!” sagte Anna, und flüchtig kam ihr der Gedanke zu fragen, ob sie am Ende eine Gambe oder Flöte hätten, dass sie mitspielen könnte, aber dann verwarf sie die Idee. Diese grosszügigen Freunde wollten ihr eine Freude machen. Es war ihre Vorstellung, ihr Recht, eine kurze Zeit im Kerzenlicht zu glänzen und Applaus zu bekommen, nicht Annas Sache, sich dazu zu stellen.
Von einem weiteren Wassereimer in der Küche schöpften sie Spülwasser für die Teller und Schüssel, aber sparten die Gläser für später auf.
Dann gingen sie ins Musikzimmer und zündeten immerhin vier Kerzen im Leuchter an, sehr festlich. Anna sass im herrlich bequemen ‘Ladies’ Chair’ und wartete darauf, dass die beiden das Cello hervorholten und sich am Klavier zurechtsetzten. Sie benutzten keine Noten.
“Also, sie müssen ihre Fantasie mit einbringen,” erklärte Herbert Bender, “wir können die Bläser ja nicht herbeizaubern, wir haben nur unsere eigenen Instrumente hier, aber sie werden die Melodien erkennen.”
Natürlich tat sie das. Diese beiden mussten Solisten sein. Sie hatte noch nie eine so erlesene Interpretation dieser berühmten Opernmelodien gehört. Schon immer hatte sie das Cello in seinem tieferen, volleren Ton beneidet, als ihn die Gamben hergaben, aber dieses war einfach ein goldenes Instrument. Und Herbert spielte es als sei es ein Teil seines Körpers.
Markus sass mit geschlossenen Augen am Klavier, einen Moment mit rasenden Fingern über den Tasten, im nächsten die Töne sanft lockend. Anna hätte die ganze Nacht so zuhören mögen. Schliesslich fragte Markus den Freund, ob er Lust hätte, eine Uraufführung des kleinen Stückes zu wagen, dass er am Vorabend komponiert hatte. Herbert sträubte sich erst, aber nannte es zögernd eher eine ‘Probe’, und warum nicht? Zuerst war Anna verwirrt, da er begann mit ‘Abends wenn ich schlafen geh,’ doch dann ging es über vom Träumerischen in eine sehr verspielte Stimmung, Variationen, wechselnde Tempi, und kehrte endlich zum Original zurück. Anna liefen Tränen über die Wangen.
Am 18. und 20. Mai werden fünfundsechzig Mitglieder des Deutschen Opernorchesters ein erstes Symphoniekonzert geben, mit Werken von Beethoven und Tschaikowsky, aber das wissen die drei heute noch nicht.
Nun kehrten sie mit hoch erhobenem Leuchter in die Küche zurück, öffneten die Flasche Cognac, (Anna lehnte dankend ab) und brachten Anna das Skatspiel bei. Es war eine echte Liebesmüh, da sie noch niemals Karten gespielt hatte.
“Das ist der wirkliche Grund dafür, warum Markus sie mitgenommen hat,” frotzelte Herbert “wir brauchten einen dritten Mann zum Skat. So, dieses ist ein Bube, die niedrigste der Bildkarten.”
Nach Mitternacht lachten sie laut, da Anna drauf und dran war, zu gewinnen, aber dann wurde energisch an der Kellertür gebummert. Anna legte ihre Karten verdeckt auf den Tisch und sprintete, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Aber Herbert rief ihr nach, sie solle keine Angst haben, es sei sicher nur Mady, eine Kollegin von der Oper.
“Also, ihr Hübschen, es ist alles vorüber. Berlin hat kapituliert,” sagte sie und schüttelte eine prächtige rote Mähne. “Der Waffenstillstand ist unterschrieben und hält. Ich hab’s aus sicherster Quelle.”
Hier folgte eine Minute völliger Stille. Anna sass stumm oben auf der Treppe. Sie und die beiden Musiker hatten den Abend in einer Art Zauberwelt verbracht, hatten den Schmutz, den Rauchgestank, die Sorgen und Ungewissheit über die Zukunft einfach ausgesperrt, und es war ihnen gelungen. Sechs magische Stunden hatten sie miteinander geteilt, im Geiste der Freude und Gastlichkeit, und alle hatten sie so genossen.
Es war ein Uhr morgens am 2. Mai, 1945. In Moskau hatte Stalin verkündet, die deutsche Hauptstadt sei am 1. Mai, dem Nationalfeiertag, gefallen. Im übrigen, noch unbesetzten Teil Deutschlands sollten die Kämpfe noch sechs Tage länger dauern.