30
März 2000
Wir laufen über den alten Weg

Das Stolper Feld, heute. Foto: Franz Nörling

Das Stolper Feld, heute. Foto: Franz Nörling

Majas Hunde tollten über das Feld, apportierten Stöckchen, rannten im Kreise, überschlugen sich, trafen zahlreiche andere Hunde, hielten ein, beschnüffelten sich, wedelten und rannten von neuem los, in Mustern die für sie logisch und vertraut waren, aber Anna staunenswert vorkamen, als Katzenfrauchen. Trotzdem hatte sie schon immer auch Hunde gemocht.

“Ich meine wir waren weiter da drüben und etwas näher am Wald,” sagt sie nun. “Vielleicht sind noch irgendwo Überreste von den Anlagen. Da war ja allerlei Zement, wo sie die schweren Flakgeschütze hatten. So hier herum müssten die sein, ein Stück weg von den Baracken.”

“Mir ist so, als hätte ich vor kurzem mal sowas gesehen,” sagt Maja. “Ich hab mir noch überlegt was das sein könnte. Aber ich denke es war weiter da drüben.” Sie liefen auf dem Sandweg entlang und genossen die Frühlingssonne.

“Was hörst du denn jetzt von deinen Schwestern?” fragt Maja.

“Bis jetzt gar nichts,” sagt Anna. “Aber ich bin keineswegs darauf versessen, sofort wieder umzudrehen. Es kann gut sein, dass sie erstmal wieder nach Hause fahren und irgendwann später zusammen nach Hannover kommen, um Mutti endlich zu begraben.”

“Ah ja,” murmelt Maja, und wirft einen neuen Stock voraus. “Da ist es!”

Sie zeigt auf einen überwachsenen kleinen Hügel, unmittelbar neben einem dick zementierten, rechteckigen metertiefen Loch , das Steine und Unkraut enthält, von den Hunden mit grossem Interesse beschnuppert, und Annas Herz rascher schlagen lässt. Hier ein Stück Beweis, ein stummer Zeitzeuge, als wäre es notwendig, sie zu überzeugen, dass die ferne Vergangenheit kein Produkt von Albträumen war.

“Es ist natürlich nicht sicher, dass dies hier ein Teil der Kasematten gewesen ist, aber es könnte sein.”

“Na, was soll’s schon gewesen sein, hier draussen auf dem Feld,” sagt Maja, “mir fällt nichts ein. Die Mauer war ein ganzes Stück weiter rüber, direkt auf der Berliner Stadtgrenzlinie.”

“Ja, dann waren die Baracken da drüben,” zeigt Anna. “Du, wir hatten diesen Kindskopf, einen Vierzehnjährigen, Karl hiess er, glaub’ ich. Der konnte nie still stehen. Hast du schon mal so jemanden gesehen? Kurze rote Haare. Er machte immer fliegenden Handstand, Rückflips oder irgendwas. Einen Moment haste mit ihm geredet, im nächsten Moment hatteste seine Füsse vor der Nase. Ich ahne auch nicht, wieso ich mich auf einmal an ihn erinnere.” Sie hält inne. “Er hatte vor, sich nach Dresden oder Leipzig oder wo durchzuschlagen, zum Zirkus. Weisst du noch, Zirkus Sarrasani?”

“Ja, natürlich. Jeder erinnert sich doch an den Zirkus!” sagt Maja. “Wo hat so’n Kind denn damals die Fertigkeit hergehabt?”

“Weiss ich nicht mehr. Er war ein so gelenkiger Akrobat, lief immer auf der Stelle mit so durchgedrückten Knien, wenn er stillstehen sollte, um die Fahne zu grüssen. Er hatte seine Familie aus den Augen verloren, wurde von der SS geschnappt. Die haben ihm angeblich nicht geglaubt, dass er erst vierzehn war, und dann ist er zu uns gekommen. Wenn ich doch nur glauben könnte, dass er irgendwie überlebt hat — habe nie wieder an ihn gedacht,” sagt Anna.

“Naja, es ist ja auch allerlei Jahre her,” sagt Maja. Sie ruft den Hund, der aufgeregt herbeirennt.

“Wir leben solange, wie andere Menschen gute Gedanken an uns bewahren, meint Nadja.” “Siehste,” sagt Maja.

“Du, ich habe übrigens eine Anzeige aufgegeben, in so einer Werbeschrift. Die wird einmal in der Woche in den Vororten verteilt. Ich habe meinen Namen und Hildes Telephonnummer angegeben und nach Zeitzeugen gefragt.”

“Ich bin mal gespannt, was sich für Leute melden werden. Viele lesen das Blatt gar nicht, werfen Werbung eben weg, immer dasselbe, aber mitunter haben sie mal wirklich was Interessantes drin, einen Bericht von einem Schultreffen, oder sie werben für ‘ne Sammlung oder sowas. Einen guten Zweck. Halten wir den Daumen.”

“Dieser Sandweg da drüben sieht mir so aus wie unser alter damals. Er ging etwas schräg rüber, nach links in Richtung Wald, und da hinten wäre dann der Splittergraben gewesen, in der Nähe der Mulde und der Baracken. Es fühlt sich so eigenartig an, hier zu stehen und hier zu laufen. Ich meine beinah, die Stimmen der Jungens zu hören, sehe sie noch vor mir, in ihrer schäbigen Kluft. Mit den langen Haaren — ach, eines Tages gab es plötzlich ein neues Projekt. Einer der Berliner, ein Friseurlehrling, wurde beauftragt, im Marathonverfahren sämtliche Haare zu schneiden. Erst bloss die, die sie geschnitten haben wollten, und dann hat der Leutnant entschieden, es sei unangemessen, sein Vaterland mit wallender Lockenpracht zu verteidigen, und da sollte alles ratzekahl runter. Aber es ist nie geschehen. Es waren einfach viel zu viele, und dann ist er schlicht nicht durchgekommen. Aber er war für kurze Zeit berühmt. Mittelpunkt.”

“Fallen dir die Füsse ab, oder kannst du noch laufen?” fragt Maja.

“Ich kann stundenlang laufen,” sagt Anna, “hab’ ja diese alten Gurken an.”

“Willst du nachher an eurem Haus vorbeifahren?”

“Nein, danke, Maja. Das ist lieb, aber nicht nötig.”

Zu guter Letzt fahren sie zurück zu Maja und essen Suppe und Tomatensalat.