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17. April 1945

Nach dem Abendessen gibt’s Politik.

Der Leutnant berieselt einen Raum voll müder Jungen.

“Wir haben alle MEIN KAMPF gelesen,” nickt er zuversichtlich in die Runde. “Dann erinnert ihr euch auch, mit welch äusserster Disziplin unser Führer auf sein Ziel hingearbeitet hat, seine äusserste Entschlossenheit, das Unrecht des verlorenen Weltkriegs und die Schande des Versailler Vertrags wettzumachen. Seine äusserst geduldige Arbeit, Vertrauen zu wecken, indem er immer wieder seinen Kriegsteilnehmern zuhörte, und so weiter.” “Ja, äusserst,” sagt Axel.

“Ich habe seinen Geburtsort, Braunau am Inn, besucht, daheim in Österreich,” meldet sich Toni zu Wort.

“Ach erzähl doch mal. Hat die Erde gebebt? So mit Engelschören in den Wolken?” Schnelle Arme griffen zu, um Blutvergiessen zwischen Toni und Ede zu verhindern.

“RUHE!” brüllt der Leutnant und kritzelt einen Strafzettel für Ede, Fahrradpolieren, punkt 5 Uhr morgens. Nächstes mal ginge es ans Latrinenschrubben. Die Jungen sehen sich verdutzt an.

Als er sich eben anschickt, seinen Zuhörern ein weiteres Mal die Härten von Hitlers Inhaftierung in der Feste Landsberg zu schildern, wird das Heulen der Sirene draussen ausnahmsweise mit grosser Erleichterung begrüsst.

Sie drängen aus der Tür und schlendern zum Unterstand, aber Motz zieht Anna beiseite.

“Lass uns ‘n kleinen Kontrollgang um die Baracken machen,” sagt er, “ich krieg Platzangst da drin.”

Sie laufen erst hinter die Küche.

“Was ich dich fragen wollte,” sagt Anna, “ist es eigentlich schwer, deinen Vater oft zu Hause zu haben, aber immer in diese Debatten zu geraten, von denen du erzählst? Wünschst du dir manchmal, dass er wieder weg wäre?”

“Aber wo denn. Mein Alter und ich können das ab. Muttchen schmeisst mal ‘ne Bratpfanne, aber sie will ihn ja nicht umbringen. Streiten sich deine Eltern denn nie?”

“Na nicht vor uns. Sie meinen, dass es schädlich für uns ist. Aber mein Vater ist ja nie da jetzt. Ich weiss nicht, wo er im Moment steckt. Sie haben sein Institut zweimal ausgebombt, und dann waren sie aufs Land verlegt worden, vierzig Kilometer von hier. Und nun haben sie ihn wieder einberufen, in den Volkssturm, er soll ‘ne Einheit von Weltkriegsteilnehmern übernehmen, meinte er.”

“Ach, dann ist er nicht weit weg. Die Opas bleiben gleich in der Nähe, werden bloss an ein paar neue Waffen rangelassen. Bisschen aufpolieren.”

“Oh gut. Woher weisste denn das?”

“Naja, ich weiss es eben.”

“Was macht denn eigentlich dein Vater? Es klingt so, als ob er regelmässig nach Hause kommt?”

“Stimmt. Er ist Lokführer, macht russisches Roulette in Vollbeschäftigung.”

“Wie meinste das?”

“Munitionszüge. Fährt sie an die Front. Die Schienen sind unheimlich oft sabotiert. Züge gehen ewig hoch. Wenn ich ‘n Iwan wäre, würde ich’s genauso machen. Minen legen.” Motz bewegte nicht den Kopf, aber seine Augen waren fast geschlossen.

“Naja, jetzt ist es eine kurze Strecke.”

“Ja, das stimmt.”

“Mein Alter sagt immer, er macht das nicht für das Arschloch, (pardon!), sondern seine Kumpels an der Front.”

“Wie lange geht das denn schon?”

“Zwei Jahre. Hat Glück gehabt bisher. Fünf Kollegen,” -Motz deutete mit dem Daumen gen Himmel.

“Meinem Alten hamse das eiserne Kreuz erster Klasse verliehen, aber Muttchen will ihn bloss zu Hause haben, wo er auf dem Bett sitzt und hustet.”

Auf einmal taucht Gustav auf.

“Ihr redet hier? Passt bloss auf. ‘Feind hört mit’,” sagt er.

“Der Feind ist voll damit beschäftigt, zu siegen,” erinnert ihn Motz und zeigt auf den roten Feuerschein über der Stadt. Gustav kommt nochmal zurück.

“Genau genommen sollteste aufpassen, dass dich deine FREUNDE nicht so reden hören,” Gustav reibt seine Hände an den Hosenbeinen.

“Danke, Gustav, ich werd’s mir merken. Aber ich hab ja jede Menge Freunde.”

Am Vortag, als sie bei der Suppe sassen, hatte Emma sich selbst überrascht, und sagte, “Motz, du hast die längsten, schwarzesten Wimpern, die ich je gesehen habe,” und wurde sehr rot.

Motz spielte mit seinem Löffel.

“Tja, da muss ich überlegen, worauf soll das hinaus? Ach, ich weiss, du willst, dass ich deine Suppe mit ihnen umrühre.” Aber er sah sehr erfreut aus. “Wenn du rüberkommen willst, die Wimpernlänge messen, lass ich dich auf meinem Koppelschloss stehen,” und er schenkte ihr ein seltenes Lächeln.

Emma hatte mit elf Jahren zu wachsen aufgehört. Es war, als ob ihr Körper es nicht der Mühe wert fand, die extra zwanzig Zentimeter oder so zuzulegen.. Jetzt, mit siebzehn, sah sie wie eine perfekte Miniatur aus. Abgesehen von den Ausbildern war sie die Älteste. Lilly und Anna erinnerten sich an den Sportplatz, wo Emma immer wie aus der Pistole geschossen weit grössere Mädel in den 60m und sogar 100m hinter sich liess. Und offenbar mühelos. Emma war gern klein, machte mitunter Anspielungen auf ungeahnte Vorzüge, aber lehnte es ab, sich weiter auszubreiten.

Die Panzerfaust

Trockenübungen, wie die Jungen das nannten, waren am nächsten Abend wieder mal weit über die Zeit gegangen. Der Leutnant schritt vor der Tafel hin und her, und die Mädel beschlossen, den Unterricht zu unterbrechen.

Die Suppe musste ausgeteilt werden, da sie die Küche vor dem Alarm noch sauber kriegen wollten und das Frühstück vorbereitet werden musste.

Als Lotte die Tür zum Gemeinschaftsraum aufmachte, erblickte sie ein Rollbild mit einem appetitlich uniformierten Mann, auf dem Bauch liegend, eine durchsichtige Panzerfaust vorschriftsmässig über der rechten Schulter.

“Monika ist umgekippt, in der Küche,” sagte Lotte, und der Sani erhob sich erleichtert vom Stuhl, während der Feldwebel auf seine Armbanduhr zeigte, als der Leutnant zu ihm hinsah.

“Weggetreten,” sagte der, und Stühle schurrten, Tische wurden in die Raummitte zurückgeschoben, und die Jungen holten ihr Kochgeschirr.

“Was ist denn passiert?” fragte der Sani, die Hand an Monikas Stirn, und er fächelte ihr Gesicht mit einem gefalteten Exemplar vom “Panzerbär”, der nagelneuen Zeitung für die kämpfende Truppe. Er sass vor ihr in der Hocke.

“Nichts,” sagte Monika wahrheitsgemäss. “Ich bin wohl wieder ‘n bisschen blutarm.” Jetzt fühlte er ihren Puls.

“Geh lieber rüber und leg dich ‘ne Weile hin,” und Emma und Lotte quetschten sich mit einem Waschkorb voller Brot an ihnen vorbei.

“Es wird schon wieder werden.”

“Ja danke, da bin ich sicher,” sagte Monika und ging erstmal zu den Waschräumen.

Wann würden sie wohl Munition bekommen, die zu den eher ungewöhnlichen Handwaffen passte? So hatte Rainer vorher gefragt. Wie immer, wenn er keine genaue Antwort geben konnte, war der Leutnant genervt.

“Muss jeden Tag kommen,” hatte er gesagt, frisch zurück vom Telefon und der Mitteilung, dass Maschinengewehre für die Einheiten westlich von ihnen reserviert waren. Und es gab keine deutschen Pistolen mehr im Moment. Nur für Offiziere.

“Amüsiert euch mal mit den Beutewaffen,” hatte die Stimme gescherzt.

“Warum habe ich eigentlich immer den Eindruck,” brummte Ede wenig später auf dem Weg in den Graben, “dass der Leutnant nie hundertprozentig Bescheid weiss.”

“Naja, ich will mich ja nicht vordrängen,” sagte Motz da, “aber ich würde sagen, es hat damit zu tun, dass er den Krieg hier bei der FLAK damit verbracht hat, das Firmament zu beleuchten, während der Feldwebel an der Ostfront war, in der ganzen Scheisse. Da wird man handwerklich besser.”

“Stimmt,” sagte Axel hinter ihnen. Und sie verschwanden im Unterstand.

“Waren Sie schon einmal richtig verliebt, ja? Wie’s das eigentlich im Kino nur gibt, NEIN?”

“Nu sach nich immer WIESO, Ede. Nu lass doch ma die Poesie in Ruhe auf Dich wirken.” “Oder sind Sie etwa ganz ungeübt, ja dann…”

Am Tage zuvor hatten sie in den Tongruben mit Attrappen geübt, wie sich der Feldwebel ausdrückte, der Trainingswaffe, die nur mit ein paar Patronen gefüllt war,”um sie erstmal anzuwärmen.”

“Bums.” Die echte Waffe war zu kostbar, um so verschleudert zu werden.

“Passt verdammt auf, dass ihr hinter dem Kerl weg bleibt, der eine abschiesst. Rückstoss ham die Biester. Riesenflamme, also auch auf Baumstämme achten. Und ruhig bleiben, immer mit der Ruhe, bloss nicht gleich an den ersten ran. Lasst ein, zwei vorbeirasseln, nehmt den dritten aufs Korn, dann sind die ersten isoliert durch das Wrack, den Rauch.” Das hatte der Feldwebel gesagt.

Gustav hatte wissen wollen, wieviel Panzer zu erwarten wären, fünf, zwanzig, fünfzig…

“Naja, sicherheitshalber sollten wir uns auf ‘ne hübsche Summe gefasst machen. Der Iwan wills jetzt wirklich wissen, und hier wird er durchkommen, mit den T34, seinem besten Modell. Niedrig, schnell. Es gibt ‘nen grösseren Typ. Weiss jemand, wie der heisst?”

“Stalin,” sagt Axel, und holt tief Luft. “60 Tonnen.”

“So ist es, aber Hauptquartier meint, hier käme die 19te Gardepanzerdivision mit den T34. Ihr habt ja die Reklame gesehen.”

“Reichen unsere Panzerfäuste?”

“Ja, ich denke schon.” Der Feldwebel will hier nicht berichten, dass bei einer Stichprobe im Munitionsdepot kürzlich wieder eine entdeckt wurde, deren Sprengkopf mit Sand gefüllt war.

Abgefeuert und “fffffft…”, statt des vorgeschriebenen “RRRUUUUUMMS.”

In ihrem Schlafraum hängten die Mädel Unterwäsche zum Trocknen auf, da kam Lilly dazu.

“Die Obergefreiten haben hinter der Küche geraucht,” sagt sie zögernd. “Sie haben über Toni geredet und warum er von allen abgewiesen wird. Peters meinte, es wäre, weil Toni ‘vom andern Ufer ist’. Und der Sani hat gelacht und gesagt, ‘na, ist der Groschen gefallen?’ Ich kapiere nicht, was er damit sagen wollte.” Sie sah sich um.

“Wieso IST Toni immer so unbeliebt?” Niemand meldete sich zu Wort. Schliesslich brummte Lotte, dass die beiden wahrscheinlich auf seine österreichische Herkunft anspielten, aber Emma warf ihr einen spöttischen Blick zu.

“Er ist eben irgendwie anders,” sagte sie, “und er ist später und ganz allein dazugekommen. Ich weiss auch nicht. Aber interessant, dass es die Herren so stark beschäftigte.”

“Naja, besorgt klangen sie nicht,” sagte Lilly.”Sie redeten halt wie immer.”

Ein unbekannter Gönner hat Leckeres geschickt. Jetzt mühen sich die Mädel in der Küche. Monika sieht auch dann toll aus, wenn sie Leberwurst auf Kommissbrotschnitten schmiert. Säuberlich entfernt sie die herausgequetschte Masse von den Seiten der Doppeldecker, und sie ist die einzige, die ihre diagonal schneidet, mit schicken, scharfen Ecken. Sie hat sieben fertig gemacht, die andern je ca. dreissig. Aber niemand sagt was Mieses zu Monika, nicht mal Lotte. Emma ist sogar einmal dabei erwischt worden, wie sie Monika hinterhergeräumt hat, als die mal oben abwesend war und davonwanderte.

“Wer hat eigentlich dieses Muster ausgebrütet?” hat Walla eines Abends gefragt.

“Na, ihre Mutter, die Zahnärztin, eine ganz kühle, patente,” hatte Anna geantwortet und sich demonstrativ die Backe gerieben.

“Und der Vater, lass mich mal raten, der Herr Major?”

“Na so ungefähr. Dermatologe, glaube ich, beim Militär.”

“Aha. Gebongt.”

Am 20. April, schweres Artilleriefeuer in der Ferne deutlich zu vernehmen, wird dieser Herr Major in einem Kübelwagen vorfahren und dem grüssenden Feldwebel eine Bescheinigung vorlegen, worauf Monika zum Büro gerufen wird und angewiesen, rasch ihre Sachen zu packen. Monika wird das in Anwesenheit des überraschten Feldwebels ablehnen mit der Begründung, sie werde hier noch dringend gebraucht. Laut Beobachtung der beiden hinter der Küche rauchenden Obergefreiten wird der Major wortlos und kreidebleich mit der Bescheinigung in der Hand aus dem Büro laufen und davonfahren.