Pünktlichkeit war irgendwie aus der Mode gekommen. Niemand erwartete mehr, dass Züge und Verkehrsmittel beizeiten eintrafen und abfuhren, Geschäfte öffneten, oder vielleicht erwartete man es noch, aber die Bevölkerung hatte sich so an die liderlichen Umstände gewöhnt, dass man sein eigenes Zuspätkommen und das der anderen nicht mehr übel nahm.
Den ganzen Nachmittag klopfte jemand an die Haustür. Zwei Tage vorher war beim Nachtdienst beschlossen worden, dass Nadjas vierzehnter Geburtstag eigentlich gefeiert werden müsse, und nun kamen sie alle.
Das heisst, ihre Schulkameradinnen, Nachbarskinder und Freundinnen kamen natürlich nicht. Sie waren im Laufe des letzten Jahres verschwunden, als die Schulen endgültig evakuiert wurden. Stattdessen erschienen die neuen Freunde, die Kameraden der Stunde, andere Mitglieder des Nachteinsatzes, die Kumpel aus dem Bunker. Emma, Fritze, Lilly, Picco, Eva und Klaus, alle älter als Nadja. Anna hatte zwei Rhabarberkuchen gebacken, etwas feucht, und der Kunststoff war durch den Backprozess nicht süsser geworden, wie Mutter vorausgesagt hatte, aber das war es nun mal, was sie anbieten konnten. Lilly hatte eine Schachtel selbstgebackener Plätzchen mitgebracht, und Picco glänzte sogar mit einer Flasche Cognac.
“Na warte, bis dein Pappa nach Hause kommt,” drohte Fritze mit fuchtelnder Faust, und sie lachten.
Emma wickelte ein unansehnliches Paket aus dem Zeitungspapier und produzierte vier Briketts, die ehrfurchtsvoll neben dem kalten Kachelofen in den Holzkasten kamen.
Mutter hatte den ganzen schwarzen Teevorrat für die Feier geopfert, der letzten des Krieges, aber das hätte niemand so formuliert, erst später.
Und Lilly zuliebe kochten sie auch Pfefferminztee.
Solange sie nur erst zu siebt waren, sassen sie brav und ordentlich auf dem Sofa und den drei Sesseln. Anna schenkte ein. Klaus hatte sich zu Nadja gesellt, einen Arm um ihre Schulter und flüsterte Glückwünsche in ihr Ohr, die sie erröten liessen. Sie war heimlich in Klaus verliebt, er wiederum in Lilly. Aber heute war schliesslich Nadjas Geburtstag, und darum würde er sie nicht einmal aufziehen wie sonst, sondern ihr offen zeigen, dass er sie echt gern hatte.
Tatjana stand einmal an der Tür und spähte mit einem seltenen, kleinen Lächeln durch die Ritze.
Fritze füllte einen der anderen Sessel und behielt ein wachsames Auge auf die beiden Mädchen, die er zu ehelichen gedachte: montags, mittwochs und freitags stand Eva im Vordergrund, und dienstags, donnerstags und samstags war Anna Gegenstand seiner Gedanken.
Picco machte mal wieder politische Witze, verstand es wie immer, auch bei bekannten mit einer neuen Pointe zu überraschen.
Um sechs herum erschienen Hilla und Hermann, sie im geblümten Umstandskleid, er in Infanterieuniform, den leeren linken Ärmel ordentlich hochgesteckt, und begrüsste alle mit gehobener Rechter und deutschem Gruss. Hilla begleitete dies mit einem Schluckauf. Das Päckchen, das sie Nadja überreichte, duftete schon bevor sie den lila- und rosafarbenen Deckel abhob. Vorkriegsseife aus Frankreich.
“Aaaaaaah.”
Nadja umarmte Hilla von der Seite, und Klaus erhob sich vom Sessel, um Hilla seinen Platz anzubieten, aber Fritze war ihm zuvorgekommen, er müsse nun allmählich den Kachelofen anwärmen, damit der später nicht zu frieren brauche. Sprach’s und stellte sich wärmend davor.
Hermann und Hilla waren heute genau sieben Tage verheiratet. Sie strahlte, und er schien eine Spur weniger sarkastisch als sonst. Beide zweiundzwanzig Jahre alt, hatten sie als HJFührer seit 1943 der kleinen Gruppe beim Bombeneinsatz im Nachtdienst vorgestanden.
Lilly reichte Hilla ein winziges Päckchen mit selbstgestrickten Babysocken. Sie erkundigte sich auch sogleich nach Dingen wie Gewichtszunahme, Knöchelschwellungen, Nachtruhe, haha, und dergleichen. Hilla winkte die von Picco angebotene Zigarette ab, aber Hermann griff schnell nach ihr.
Emma hatte ihn gleich in ein optimistisches Gespräch über den Stand der Ostfront verwickelt, die Arme bequem über der Brust gekreuzt.
Nadja sass still dabei, ihre frohen Augen im Zimmer kreisend, sah die bewunderten Freunde an, die zu ihrem Geburtstag erschienen waren, nicht Annas, nicht Foffies, nicht dem der ernsten kleinen Schwester. Nein, ihrem, der Tochter in der Mitte.
Dreissig Minuten später, nach einem strengen Blick auf die Uhr, bot Hermann seiner Frau den Arm, diese sammelte sein Koppel und Pistole draussen vom Flügel, und sie verschwanden in einer Wolke von Küsschen für Hilla mit dem Kübelwagen.
Kaum waren sie draussen, holte Nadja das Grammophon hervor und kramte nach ihren Lieblingsplatten. Sie spielten Musik aus neuen Filmen. Evelyn Künnecke sang, Ilse Werner pfiff, Rosita Serrano trillte.
Die Gäste wollten alle so gerne tanzen, aber seit dem totalen Krieg war es streng verboten, nicht nur in der Öffentlichkeit.
“Wo die Frontsoldaten täglich ihr Leben opferten, schicke es sich nicht…”das war Eva. “Ich finde aber, was Leute hinter geschlossenen Türen machen, ist ihre Privatsache.” Und sie stand auf, schürzte den Rock ein wenig und rollte mit dem Fuss den Teppich zurück.
“Mein Vetter sieht uns lieber tanzen, wenn er auf Heimaturlaub kommt, als deprimiert im Luftschutzkeller zu sitzen, hat er gesagt.”
Also machte Klaus eine artige Verbeugung vor Nadja, die gar nicht sicher war, was sie mit einem Foxtrott anfangen sollte, aber Klaus wusste, und es ging wunderschön. Dann, während Nadja die Nadeln für die nächste Platte wechselte, fragte Klaus, ob Lilly tanzen wolle.
“Aber nur einen,” sagte sie.
Anna und Tatjana standen in der Küche und hantierten mit zwei grossen Pfannen, rieben rohe Zwiebeln in die dicke Kartoffelbrühe, in der Hoffnung, die Puffer gebraten zu kriegen, bevor das Gas womöglich abgestellt würde.
Apfelmus gab es nicht, aber dafür wieder Rhabarber, und der war gar nicht so schlecht. Als Anna mit der Platte in der Tür steht, sich eine Haarsträhne aus der Stirn pustet, während ihr Tatjana von hinten die Schürze abbindet, sieht sie Fritze und Eva tanzen. Einen Moment lang treffen sich Annas und Evas Blicke. Anna sieht nicht weg. Nichts würde ihre Freundschaft zerstören. Nichts.
“Kartoffelpuffer!” singt Anna, als Picco mit Lilly, Klaus mit Emma tanzt und Nadja nach weiteren Platten sucht.
Da sitzen sie und mampfen, nippen am Cognac, starker, duftender Stoff, sogar Nadja, zum ersten Mal, aber dann schüttelt sie sich. Nein danke. Das genügt. Klaus setzt sich wieder zu ihr, sobald die Teller weggeräumt sind.
Anna langt hinter die Textbücher im Schrank und holt einige Platten hervor, die man in einem braunen Umschlag verborgen hat. Ohne Ankündigung legt sie Mackie Messer auf.
“Und der Haifisch, der hat Zähne, und die hat er im Gesicht …” Das Gespräch ist verstummt. Nun spielt sie weiter.
“Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.”
“Was is’n das? Das ist ja Sensation,” sagt Fritze und deutet mit erhobenem Glas in Richtung Musik.
“Kennste das nicht? Klar kennste das!” sagt Picco. “Die Drei Groschenoper.
Wo habt ihr die alte Platte her? Ein Glück, dass Hermanns Ohren ausser Reichweite sind.”
“Na welcher Hermann? Der Dicke hat die Platte selber. Wetten, dass der die hat?” “Worum geht’s denn eigentlich? Was soll das alles?” ruft Emma dazwischen.
Aber Anna legt schnell ihre Lieblingsplatte auf, von Isa Vermehren.
“Sechs Whisky und vier Köm, dann bin ich eingeschlaaaaafen…”
“Au wei, halte mal schnell Nadjas Ohren zu. Noch wer unter sechzehn?”
“Naja, ich, aber es sind nur noch ‘n paar Tage,” lacht Anna. Es ist das allererste Mal, dass sie diese verbotenen Platten irgendwem vorgespielt hat. Nicht einmal die Eltern wissen, dass das Versteck geplatzt ist. Lilly lehnt sich vor und strahlt Anna an.
“Aus einer anderen Zeit, oder?” fragt sie.
“Andere Worte, andere Gedanken,” sagt Anna und nickt.
“Das wollen wir hören. Lies was vor,” ruft Eva und setzt sich erwartungsvoll zurecht.
“Klar. Alle einverstanden?” sagt Fritze. Sie nicken.
Und da langt Anna hinter sich in die zweite Reihe und liest langsam und andächtig Gedichte von Erich Kästner.
Wenn doch dieser Abend nie zu Ende ginge.
Das Haus scheint von oben bis unten mit Liebe und Freundschaft angefüllt, so als könne sie niemals verrinnen, niemand sie trennen.
Die Freunde gehen langsam den Weg zur Pforte. Winken.
“Ulli, willst du direkt zurück, oder kann ich dir was zeigen?”
“Na sicher. Was ist es?”
“Ein Platz. Ein wunderschöner Platz auf der andern Seite der Unterführung, zehn Minuten von hier. Ich habe diese Erinnerung an einen Abend, als ich noch ganz klein war.”
“Dann wohnst du gar nicht weit von hier?”
“Nein, gar nicht weit. Mein Vater ist früher immer geritten. Er war bei den Reitern im Weltkrieg, und er mag Pferde sehr. Er nahm mich immer mit zu dem Tattersal da drüben, wo er “sein Ross” stehen hatte und setzte mich vor sich auf den Sattel, und auf dem Weg zum Wald gab er mich zu Hause ab. Eines Abends im Mai liefen wir diese Allee dort entlang, die Kastanien fingen eben an zu blühen — ich muss vier oder fünf gewesen sein — und wir redeten miteinander, passten gar nicht auf. Auf einmal kam diese riesige Wolke, dieses immense Bündel von Maikäfern vom Himmel runter und landete in diesen alten Kastanienbäumen, und Klumpen von Krabbeltieren auf den Boden und auf unsere Schultern und Haare und brummten und summten enorm laut.”
“Mein Gott — das klingt wie’n Albtraum. Schauerlich. Hatteste Angst oder was?”
“Na, das ist es ja grade. Ich weiss noch ganz genau, was dann passierte. Ich wollte grade hysterisch werden, mit Gänsehaut und so, da sagte mein Vater,
‘Oh, wie interesant! Die Maikäfer müssen in ihrem Siebenjahres- Zyklus sein.’Und dann sammelte er eine Handvoll vom Boden auf, und schob vorsichtig seine Füsse auf dem Weg entlang, um nicht so viele zu zertreten, und wir blieben unter einer Laterne stehen, damit er mir die verschiedenen Arten zeigen konnte, und wir verglichen die grossen schwarzen, die Schornsteinfeger, mit denen, die wie mit Mehl bestaubt aussehen, und so weiter. Dann erklärte er mir, dass sie noch vor wenigen Tagen Engerlinge waren, kleine dicke Würmer im Rasen, und so gingen wir weiter und schoben unsere Füsse sorgfältig am Boden entlang, im Gleichschritt, und als er mit seiner Erklärung fertig war, liefen wir aus der Allee auf die saubere Strasse, und ich holte tief Luft, glaube ich. Später habe ich dann kapiert, dass er mir nicht so einfach sagen wollte, dass ich keine Angst haben sollte, sondern hat mich so intensiv beschäftigt, dass ich nicht auf den Gedanken kam.”
“Weisste was? Genau so was wäre auch meinem Vater eingefallen. Das klingt genau wie Papa!”
Annas Gesicht wird ernst.
“Du vermisst ihn sehr, nicht wahr? Ich weiss, dass ich meinen Vater noch brauche, nicht direkt hier, aber irgendwo in der Welt muss er sein.
Oh, da drüben ist es. Siehst du die Kastanien da ? Sie ziehen sich ganz weit hinunter zum Wald. Aber die Pferde sind nicht mehr da. Schon lange nicht mehr.”
“Ich muss nochmal herkommen, ein andermal,” sagt Ulli. “Es ist ein wundeerschöner Platz, aber wir müssen zurück.”
Als sie wenige Minuten später zu den dunklen Baracken hinuntergehen, flüstert Anna, “ich hoffe, dass du nie zu schreiben aufhörst, Ulli. Nie.”
Die Kameraden schnarchen schon wieder, als sie mit den Schuhen in der Hand durch die Türen schleichen. Oder tun so, als schliefen sie.
Am nächsten Morgen, während die Jungens ihre Räder an der Küche vorbeiführen, um die Mittagsration zu fassen, schiebt Ulli ein gefaltetes Stück Papier in Annas Tasche, und fährt dann rasch den andern nach.
Die Räder waren kaum im Wald verschwunden, als der Leutnant aus dem Büro stürmte, sich in den Kübelwagen warf und in Richtung Stadt davonbrauste. Der Feldwebel folgte ihm auf den Fersen, kratzte sich hinterm Ohr und drehte wieder um, zurück ins Büro.
Anna lief hinter die Küche und las Ullis Gedicht. Ein Gedicht über Männer, die durch die ganze Menschengeschichte immer wieder die Hoffnungen und Illusionen von Frauen zunichte machen. “Für Anna, von Ulli.”
Anna liess das Blatt sinken. “Wie ist es mit den Vätern? Es gibt nie genug Väter. In den Kriegen umgekommen, oder gleich selbst als Waisen aufgewachsen, ohne Erinnerung daran, wie man Vater sein soll, wenn der Zeitpunkt kommt wo man selbst Vater wird.”
Und wie war das nun mit Ulli? Wer würde ein Gedicht über ihn schreiben? Für ihn.
Nach Meinung des Feldwebels würde die nächste Generation von übermüdeten, berufstätigen Müttern, Grosseltern und Geschwistern grossgezogen — in Deutschland, und all den besetzten Gebieten, die sich gewehrt hatten.
“Was reden die da über einen Einbruch im HJ- Heim?” fragt Anna. Heute ist Lotte dran, die Gulaschkanone auszuwaschen.
“Da kann sich keiner ‘nen Reim draus machen,” sagt Lotte. “Ich meine, da gibts schlicht nichts zu klauen. Wenn ein Idiot gekommen wäre und die Telefonvermittlung sabotiert hätte, oder Pornographie in den Akten versteckt, hätte ich gesagt, da hat sich ein Kollege mal so richtig gelangweilt. Aber sich die Mühe zu machen, oben durch die Dachluke einzusteigen und extra die Leiter zurückzulassen und matschige Stiefelabdrücke! Da muss ich sagen, na was solls? Du?”
“Nicht die leiseste Ahnung. Ich war schon ewig nicht mehr da. Hab zwar meine Strippe damals entgegengenommen, aber hatte nie Lust, da Heimabend abzuhalten. Bin immer mit den Mädeln rausgegangen, irgendwo hin zum Singen. An die frische Luft. Kanons haben wir gesungen, Mozart, lauter alte, ganz alte Lieder, drei-stimmig. Ich kannte sie alle auswendig, und dann konnten wir uns einfach irgendwo auf eine Wiese setzen und singen. Ich hab schnell gemerkt, dass sie alle ankamen, wenn wir Liederabend hatten, und nicht, wenn “Lesungen” oder sowas angesagt waren. Da bin ich mit ihnen draussen geblieben,und wir haben gesungen. Die Oberen waren von meinen Anwesenheitslisten beeindruckt und liessen uns in Ruhe.”
“Ja, wir haben alle unsere Strippen da umgelegt gekriegt, bloss nicht Lilly und Monika. Hatten die etwa vor, die Dauerwellenjugend zu bereichern? In die Partei ‘überwiesen’ zu werden, mit Abzeichen und ’Mein Kampf’ in Kriegsausgabe?”
“Glaub’ ich nicht. Die waren beide weg von Berlin, als das akut wurde. Lilly hätten sie doch als erstklassiges ‘Führungsmaterial’ eingestuft, oder?”
“Na, entschieden. Aber es scheint ihr wurscht zu sein. Also war’s Monika, die eingebrochen ist und in ihrer Verzweiflung nach der ersehnten rot-weissen ‘Jungmädelführerin-Kordel’ rumgesucht hat. Schliesslich kannste auf einmal ‘n Häufchen Zehnjährige rumkommandieren, kaum dass sie alle Backenzähne richtig drin haben.”
“Lotte, du bist schlimm!”
“Werde jeden Tag besser.”