“Sensation! Lasst uns die Gisela Schlüter einschalten,” murmelte Ede, und die Berliner lachten.
“Wer ist denn das?” fragte Henning.
“Die offiziell beglaubigte Stimme der ‘ewigen Meckerer’,” klärte Motz ihn auf. “Sie darf am Rundfunk stellvertretend für das Volk Dampf ablassen, sehr komische Person.” “Und dann was?” fragte Hansi.
“Vielen Dank für die Frage,” sagte Ede, “ein echter Weiser, Prototyp des wohlmeinenden Dorfältesten, darf ans Mikrophon und ERKLÄRT UNS ALLES: warum es keine Butter gibt, nur Margarine, warum sie auf die Feldpost keinen richtigen Absender schreiben dürfen, und warum sie auf keinen Fall die Bevölkerung immer vorher benachrichtigen können, wenn der Strom mal wieder abgedreht wird…”
Ede blickte dem Feldwebel ins Auge und zuckte die Achseln.
“Das Programm gibt’s nicht mehr,” sagte Gustav. “Die Volksseele hat wohl genügend gekocht, oder die Leute haben gar zu viele Vorschläge für Sendungen eingeschickt, zum Beispiel, ‘stimmt es eigentlich, dass die Leuchtabzeichen, die alle am Mantel tragen, giftig sind?’”
“Haben sie das?”
“Nee, aber man hört ja, dass es stimmt. Es ist Phosphor, die Abzeichen.”
“Oder wie ist es hiermit : ‘Stimmt es eigentlich, dass Ende Juli 1943 bei einem Hamburger Luftangriff 200 000 Menschen umgekommen sind? Und was machen wir denn da?’” “Jetzt langt’s. Thema -Wechsel,” rief da der Feldwebel.
Die Obergefreiten, frisch von einer Zigaretten-und-Quatsch Pause hinter der Küche zurück, heben an mit “Das Wandern ist des Müllers Lust”, und ein paar der Jungen singen sogar mit.
“Du hast ja die ganze Schau hier verpasst, “ flüstert Rainer Anna zu. “Es gab eine Untersuchung. Alle möglichen Typen sind hier rumgeschlichen und suchten nach — wir wissen auch nicht nach was. Infame Diebe sind in das HJ- Heim hier irgendwo in der Nachbarschaft eingebrochen, obendrein auch noch durch eine Dachluke, und keiner kann sich erklären, was die wollten. Offenbar fehlt nichts. Nachdem die Ordnungshüter die Fremdarbeiterbaracken an der Eisenbahn durchgeforstet haben, sind sie hergekommen und haben den Leutnant angemacht.” “Na sag mal,” staunte Anna.
“Das Gerücht geht um, dass die Disziplin bei uns im A- im Eimer ist. Der Feldwebel wird in Zukunft die Baracken täglich kontrollieren, abends alle Betten inspizieren, Gutenachtkuss und so.”
“Das fehlte grad’ noch,” sagte Anna. “Wer auch immer sich diesen Scherz erlaubt hat, es war keiner von uns. Ich kann’s mir nicht vorstellen. Ist so unsinnig.”