Das warme Aprilwetter hält an. Der Obergefreite Albers sitzt am Steuer des Kübelwagens und lässt den Motor laufen. Anna kämpft mit einem Wust schmutziger Wäsche, die ihr die Mädel mitgeben. Sie stopft alles in ihren Rucksack und den Kopfkissenbezug.
Der Sanitäter müsse logischerweise den Auftrag erhalten, hatten die Mädel entschieden, und Anna war auserwählt, die Botschaft zu übermitteln.
“Könnt ihr’s nicht schriftlich machen?” hatte sie gezögert…
Als sie sich mit ihren Bündeln zur Tür hinauskämpft, erscheint Lotte, hilft ihr tragen und lehnt sich zum Fahrersitz hinüber.
“Was ich noch sagen wollte,” spricht sie mit fester Stimme, “in dieser Stellung gibt es sechs weibliche Mitglieder, die zwölf Kartons Camelia Binden benötigen. Bitte kümmern sie sich drum.” Dreht sich auf dem Absatz um und winkt über die Schulter.
Anna sitzt feuerrot im Gesicht da, und der Sanitäter lacht. Sie fahren los. Anna zeigt den Weg. Als sie am HJ- Heim vorbeikommen, scheint vor dem Gebäude Ungewöhnliches vorzugehen. Wagen parken kreuz und quer, Polizei und HJ- Führer laufen mit Pappeblock und Klammer herum und machen Notizen, und jemand bringt eben eine Leiter hinter dem Haus hervor.
“Das ist unser HJ- Heim,” sagt Anna, “ich frag mich bloss, was da los ist.” Aber der Obergefreite Albers zuckt nur die Achseln.
Foffie, ihr kleiner Bruder, kommt in Hemdsärmeln aus dem Tor geschossen und schlingt seine Ärmchen um ihre Mitte, sieht fragend den fremden Mann an, der leider nicht einen Moment hereinkommen kann, nein danke, und davon fährt.
Tatjana steht mit verweinten Augen in ihrer Schürze an der Haustür. Wochenlang keine Nachricht von Mutter oder Bruder.
Anna umarmt sie ganz fest, und die Tränen fliessen von Neuem. Foffie steht still daneben.
“Lass uns nicht die Hoffnung verlieren,” sagt Anna und wischt Tatjanas Gesicht ab.
“Verstehst du, Hoffnung?” Schliesslich dreht Anna sich um. Von Mutti ist keine Spur zu sehen. Der Eingang und die Diele mit dem Flügel sind ein Chaos. Vier Matratzen befinden sich am Fuss der Treppe und eine weitere, kleine, folgt soeben. Nadja und Korinna klimmen über den Berg und umarmen Anna.
“Wir bringen die runter in den Vorratskeller. Vier passen auf die unteren Apfelregale und Foffies Bett geht in die Ecke. Tatjana kommt aufs Feldbett, Platz für alle.”
“Ich hatte mich eigentlich drauf gefreut, mal wieder in meinem Bett zu schlafen,” sagt Anna und kratzt sich hinterm Ohr. Aber sie denkt jetzt nicht darüber nach, dass ihr zu Hause nie wieder sein würde wie früher.
“Bist du jetzt zurück?” fragt Nadja.”Bleibst du da?”
“Nein nein, ich habe bloss unsere Wäsche gebracht. Haben wir Gas? Gibt’s heisses Wasser?” Tatjana nickt und geht, den kleinen Waschbottich heraufholen. “Ich muss die Sachen morgen wieder mitnehmen, werd’ sie trocken bügeln müssen. Und ich muss mir die Haare waschen. Wie geht’s Mutti?” fragt Anna. Tatjana legt den Finger auf den Mund und schüttelt den Kopf.
Muttis Gesicht leuchtet auf als sie Anna hereinkommen sieht. Sie legt die Feder hin, verschliesst das Tintenfass und trocknet sorgfältig die eben geschriebenen Noten, winzige Noten auf feinen Linien.
“Meine Grosse,” sagt sie, “meine Älteste! Kannst du jetzt zu Hause bleiben? Habt ihr abgeschlossen? Du siehst müde aus.”
“Ja, natürlich sind wir müde, aber es ist auszuhalten. Nein, wir sind noch nicht entlassen. Ich bin nur nach Hause gekommen um Wäsche zu waschen. Es ist zu umständlich da draussen. Morgen muss ich wieder hin. Wie geht es dir denn? Ihr habt alle Matratzen in den Keller geschafft? Wahrscheinlich ‘ne gute Idee…”
“Ja, wir haben ja meistens zweimal Alarm jetzt, und-”
“Ich weiss doch, Mutti. Wir sind ja nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Ich habs dir doch gesagt. Was ist denn das hier?”
“Ach, eine Karte für dich. Sie kam heute morgen, von den Behörden offenbar.”
“Wahrscheinlich ein Geburtstagsgruss zum sechzehnten.” Es ist ein Vordruck mit ihrem Namen, Geburtsdatum und der Adresse.
“Mutti, das muss aber ein Irrtum sein. Es sieht aus wie ein Einberufungsbefehl. Ich soll mich morgen früh um acht bei einem Panzerbatallion melden.”
“Wie bitte? Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Du bist ein fünfzehnjähriges Mädel!”
“Das ist ihnen offensichtlich klar. Alle Daten stehen hier, aber keine Telefonnummer. Sie wollen nichts erklären. Sie wollen uns antreten sehen, um acht.”
“Wenn doch nur dein Vater hier wäre.”
“Mutti, er ist beim Volkssturm. Was soll ich nun machen?”
Als Tatjana richtig kapiert hat, was die Post bedeutet, hören sie laute Schluchzer aus der Küche, wo sie Annas Uniformblusen durchwalkt. Nadja geht hin und spricht mit ihr, und Anna versucht, zum Volkssturm- Hauptquartier durchzukommen, aber nun hängt sie an der Strippe und wartet, ohne ihre Frage losgeworden zu sein. Schliesslich wird sie zu ihrer eigenen Einheit, dem Leutnant Schmitt, durchgestellt.
Annas Auge ruht auf dem seit drei Jahren kaputten Kühlschrank.
Foffie steht geduldig dabei, und hofft, dass sie nachher ihre Rollschuhe anzieht und ihn auf seinem Roller schiebt, draussen vor dem Haus. Mit dem Hörer am Ohr verspricht sie es, während der Leutnant hörbar durch seine Akten raschelt, und ihr schliesslich zusagt, die offensichtliche Panne ins Reine zu bringen.
Für zwei von Annas Klassenkameradinnen mit ähnlichen Einladungen ist es keine offensichtliche Panne. Sie fliegen zwei Wochen später in der Innenstadt mit einem deutschen Panzer in die Luft, werden schwer verwundet geborgen, die einzigen Überlebenden ihrer Besatzung.
Am Morgen ihres sechzehnten Geburtstags, von den anderen Matratzen her mit einem Glückwunschliedchen bedacht, wacht Anna mit Fieber und Nierenschmerzen auf. Eine Stunde später kommt die Ärztin herüber und verschreibt ein Schwefelpräparat. Mutti macht eben kalte Umschläge um Handgelenke und Beine. Sie beugt sich unter Nadjas Lager und fragt,
“Benehmt ihr euch auch da draussen? Du tust doch nicht etwa Dinge, die Vati und ich nicht gutheissen können? Männer versprechen das Blaue vom Himmel, um Mädel dazu zu kriegen, mit ihnen das eine zu tun, das sie alle wollen…”
“Mutti, lass uns nicht über sowas reden,” sagt Anna, “die Jungen da draussen sind total anständig. Lass uns einfach vergessen, was du gesagt hast, ja?”
“Männer sind anders als wir. Wir sind nicht darauf vorbereitet-”
“Mutti, wir versorgen JUNGEN, und ich bin gar nicht mal so sicher, dass sie so anders sind als wir. Neulich hat mir einer gestanden, als niemand zuhörte, dass er sich immer vorgestellt hatte, wie das wäre, Mutter zu sein.”
“Also bitte, das ist ja abartig, oder er hat gesponnen, um dein Mitgefühl zu wecken.”
“Nein, das hatte er schon. Es ist sein ganz privates Geheimnis und er wollte es jemandem anvertrauen, bevor er, bevor er da mit ‘ner Knarre hinaus muss.” Mutters Stirn lag in Falten.
Da kommt Foffie mit seinem Lieblingsbuch und ‘liest’ seine Geschichte vor.
Da geht es um eine Familie mit drei grossen Mädeln und einem vier-jährigen Jungen. Eines Tages bauen sie zusammen ein Floss, heben ihr Haus darauf und segeln los, einfach um die Welt. Sie vergessen auch nicht Vaters Fernglass, um seltene Vögel zu beobachten. Anna gefällt diese Geschichte viel besser als die, die sie ihm aus diesem Buch den ganzen Winter vorgelesen hat.
Zwei Tage später holt der Obergefreite Albers die immer noch blasse, und zittrige Anna wieder ab, samt einem Korb sauberer Wäsche. Mutter küsst sie abwesend auf die Wange, und Tatjana und die Schwestern umarmen sie zum Abschied.
Foffie steht mitten auf der Strasse und rudert mit beiden Händen in der Luft. Anna winkt ihm zu, bis der Kübelwagen um die Ecke fährt.