Mittags hatte sich ein neuer Rekrut gemeldet. Toni. Er sieht gepflegt und urban aus und ist drauf und dran, sich häuslich einzurichten, als die anderen verschwitzt zur Stellung zurückkehren.
“Wo bist du denn her?” fragt Anna und freut sich über die gelungene Suppe, obwohl die ruhig noch etwas Salz vertragen könnte.
“Österreich.”
“‘Österreich’”, sagt er, “‘Österreich’ statt ‘Ostmark’, den Reichsblinddarm. Bin tief beeindruckt, aber lass das nicht unseren geliebten Führer hören,” sagt Ede anzüglich.
Toni zuckt die Achseln und es folgt eine peinliche Pause.
“Du klingst so ähnlich wie ein Soldat der vor ein paar Jahren bei uns einquartiert war,” sagt Anna.
“Ja?” sagt Toni.
“Die Frage mag ja überraschen, aber was machst du eigentlich in Berlin?” fragt Ede.
“Glückszufall,” sagt Toni, ohne mit der Wimper zu zucken.
“Na siehste, genau wie wir andern: Glückskinder,” sagt Motz.
Toni wendet sich wieder Anna zu.
“Wer war denn der Soldat?”
“Ach, ein kleiner Heiliger aus einem Gebirgsdorf, wo die Leute schon mit Skiern auf die Welt kommen,” sagt sie.
“Wie reizend,” meint Emma.
“Es waren auch noch andere in unserer Nachbarschaft. Alle braungebrannt mit schwarzen Locken und Zähnen wie unser Nussknacker.” Anna grinst.
“Ich wette ich weiss wie’s weiter geht,” sagt Ede, die Hände hinterm Kopf verschränkt.
“Eines Tages sind sie urplötzlich abgezogen, und kurz darauf waren sie in Narvik gelandet.”
“Haben sie euch gesagt, dass sie einen echten Krieg in Norwegen anzetteln würden?”
“Meine Eltern meinten, die Gebirgsjäger hätten keine Ahnung gehabt wo’s hingehen sollte.”
“Adolf, Adolf, Adolf, man kann sich doch drauf verlassen, dass ihm alle fünf Minuten was Neues einfällt. Die fliegende Gebirgsmarine bei den Berliner Plutokraten einzuquartieren — ist doch irgendwie sensationell, oder? Die Bande zu den Gebirgstälern seiner Heimat zu knüpfen, richtig lieb. Und habt ihr nochmal von ihm gehört?” fragt Ede.
“Ja, von seiner Mutter. Er hat gleich ein Bein verloren, kam nach Hause und ist jetzt Skilehrer für Beinamputierte, will aber immer noch Priester werden.”
“Hier hört der Vergleich auf. Ich habe anderes vor,” sagt Toni.
“So, und nun zeig mal dein Gebiss,” sagt Ede, “mach’ aaaaaah. Na sensationell die Beisserchen. Und er hat noch viel vor, bitte schön!” Toni zuckt die Achseln. Ulli legt ihm jetzt die Hand auf die Schulter.
“Weisste schon wo du schläfst? Wir haben noch Platz in Baracke 4.”
“Ne begehrte, exklusive Adresse,” sagt Ede, “direkt gegenüber der Küche. Ulli hat extra mit Henning getauscht, um näher am Busen der Fleischtöpfe -”
“Lass gut sein,” sagt Motz da sanft.
Als sie wenig später aus dem Gemeinschaftsraum drängen, geht gleich die Sirene los und sie nehmen Toni mit auf die grosse Besichtigungstour des Unterstandes.
Am nächsten Tag hörten alle, dass Toni komplett mit Reisenecessaire und Haarwasser geliefert worden war.
“Wusste einer von euch, dass sogar Vögel Flöhe haben?” fragte er in die Runde, seine sauberen Nägel betrachtend. Hier folgte eine längere Pause. Die Jungen hatten sich über ihre Schulen unterhalten, locker und laut, nach einem langen Schanztag. Sie sassen im Gemeinschaftsraum.
“Hier haben wir mal ein non-sequitur,” sagt Axel dann. “Warum nicht? Soweit ich mich erinnere, hatten die Hühner in Ostpreussen welche.”
“Deshalb räkeln sie sich wie wild im Sand,” sagt Toni, vom Mitteilungsdrang übermannt.
“Das ist ja wieder sensationell, lieber Mann,” sagt Ede von der Tür her. “Red weiter. Lebensnotwendige Information hier. Was geschieht zum Beispiel mit den Flöhen nach dem rigorosen Sandbad? Liegen sie im Anschlag auf einen vorbeistromernden Hund?”
“Nein,” sagt Toni ungemütlich, “andere Sorte Flöhe.”
Emma kommt herein und unterbricht.
“Ich höre, du hast ne Nagelzange? Pumpst du die für fünf Minuten? In Baracke 2 kriegt einer die Stiefel nicht an. Zu eng.” Und sie ist schon wieder draussen.
Aber Toni ist auch an diesem zweiten Tag auf dem falschen Bahnhof. Der Sanitätsobergefreite Albers hat eine Kopfverletzung von Stalingrad, 1942, und trägt das Verwundetenabzeichen. Als Toni von ihm humorig als “Al Dente” spricht, will er den Satz rasch wieder zurück nehmen, aber Axel hat ihn gehört und reagiert scharf.
“Dich würd’ ich nicht mal zum Haarschneiden mitnehmen,” sagt er.
“Der Kerl is nicht stubenrein,” sagt Ede und schleicht aus der Tür.
Draussen kommt der Feldwebel eben zurecht, als Lilly und Anna erste Bartstoppeln auf Motzes bislang sanfter Wange anfühlen dürfen.
“Das Mannesalter naht,” sagt er. “wenn Sie jetzt nicht gleich kehrt machen, Motz, gehörn Sie mit zum Verein.” (‘Mal Sie, mal Du,’ denkt Anna. ‘Bartstoppeln müsste man haben.’)
“Klingt eigentlich gut,” sagt Motz, “ich lass’es mal drauf ankommen.”