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“Fressalien” und Kultur

Die Schluchzer, die Anna unter Lillys Decke vernahm, hatten wohl mit den schwindenden Zuteilungen zu tun, die sie für die Jungen empfingen. Anna fühlte nach Lillys Kopf und flüsterte, “ich mache morgen früh mal eine kleine Radtour. Mit dem Rucksack. Willst du mit?”

Lillys Antwort wurde von der Sirene übertönt, die sich wieder anhörte, als sei sie aufs Dach montiert. Türen schlugen draussen, Schritte schlurften zum Graben, aber es waren wohl nicht alle. Man wurde nicht immer erwischt.

Am nächsten Morgen überrascht sie der ‘Versorgungsdampfer’ extra früh, und nach Abladen der Thermoskessel, Kommisbrotkörbe und Marmeladekartons, hieven die Jungen ein abgetakeltes Klavier herunter. Axel von G. nimmt es in Augenschein und erklärt, es eigne sich vorzüglich zum Feuer machen. Der Feldwebel kommt aus dem Büro, öffnet den Mund und klappt ihn wieder zu. Das Instrument wird in den Gemeinschaftsraum getragen und an eine Wand geschoben. Man sieht Motz mit bedeutungsvoll halbgeschlossenen Augen die Baracke umzingeln und es wird allen klar, dass sie ihm für diese Überraschung zu danken haben, soweit Dankbarkeit am Platz ist.

“Das Klavier hat seit fünfundzwanzig Jahren keinen Stimmer gesehen,” sagt Axel, aber entlockt ihm durchaus erfreuliche Töne, als er ein paar Takte spielt.

“Vielleicht hat’s seit fünfundzwanzig Jahren überhaupt niemand gesehen,” sagt Hansi. “Vielleicht hat es auf einem Speicher das Dach abgestützt?” Walla lacht, und Hansi errötet erfreut.

“Ich melde mich wieder, wenn er Tiger Rag spielt,” sagt Motz mit sanftem Türknallen.

“Das war eben Chopin,” sagt Axel. “Ich bin mit langen Fingern zur Welt gekommen.”

“Glückspilz,” schwärmt Ede leise, “erste Voraussetzung für Taschendiebe…”

“…und dem absoluten Gehör,” schliesst Axel, als draussen zum Antreten gepfiffen wird.

Emma, Monika und Walla haben heute morgen Frühdienst, drum sind Anna und Lilly schon um 6.30 gestartet, mit Rucksäcken und im Matsch schmatzenden Rädern. Nach einer halben Stunde können sie das Gehöft sehen, jenseits der Wälder.

“Was wirst du — werden wir ihnen sagen?” fragt Lilly, die Augen am nassen Boden.

“Weiss noch nicht,” sagt Anna. “Ich werd’ halt sagen wie’s mit den Jungen ist, einfach die Wahrheit sagen. Wir werden sehen.”

Die Scheune beherbergt eine ganze Kompanie meckernder Hühner, die sich gegenseitig aus einer Seitentür raus- und reinjagen. Die Mädel hören Schritte im Wohnhaus, und ein Kriegsgefangener erscheint in Stiefeln und Arbeitshosen mit einem Handtuch um die Schultern. Als er die beiden sieht, macht er auf dem Absatz kehrt und ruft in die Küche, wo sie eine junge Frau erkennen können, mit einem Kind auf dem Arm. Die Mädel werden hereingebeten, zögern an der weissgetünchten Schwelle und dem schön gekachelten Flur, aber werden trotz der Matschstiefel in die warme, geräumige Küche genötigt. Ein Kessel kocht auf dem Herd, ein Krug Milch, Käse und Brot stehen auf dem Tisch. Die Frau sieht mit einem unruhigen Blick aus dem Fenster.

“Seid ihr allein?” fragt sie, “worum geht’s? Was wollt ihr?” Sie giesst ihnen Tee ein.

“Niemand weiss von unserem Besuch hier,” sagt Lilly schnell.

“Und wir können uns nicht aufhalten oder wir werden vermisst,” setzt Anna hinzu. Und entschlossen zieht sie ihre C-Flöte aus wundervollem Rosenholz mit Elfenbeinbesatz aus dem Rucksack. Sie reicht das Etui hinüber. Jetzt scheint es einfach.

“Wir gehören zu der Volkssturmeinheit drüben auf dem Stolper Feld, in der alten FLAKStellung. Wissen Sie? Wir wollten mal fragen, ob Sie vielleicht diese Flöte gegen Nahrungsmittel für unsere Jungens tauschen würden. Es kommt immer weniger auf dem Laster. Wir haben seit acht Tagen keine Milch. Es ist immer dieselbe Nudelsuppe, und vor drei Tagen haben wir beim Austeilen festgestellt, dass einer der beiden Thermoskessel schon sauer war – in einem Tag.

Manchmal kriegen wir Margarine und sogar mal Salami, aber es ist nie genug für alle hundertsiebenunddreissig Jungen, vier Ausbilder und uns sechs Mädel.”

“Ihr versorgt alle diese Leute?”

“Ja, aber das ist schon in Ordnung. Wir kriegen’s hin, aber die Jungens haben ewig Hunger. Sie wissen ja wie das ist.”

Die Frau sieht den Kriegsgefangenen an, der die Flöte genommen und sorgfältig geprüft hat.

“Das ist ein sehr feines Instrument,” sagt er.

“Ja, das stimmt, es gehört mir,” sagt Anna. Die Frau nickt, und dann kommt er auch schon mit einem kleinen Sack Hirse aus dem Nebenraum. Sie ist in die Speisekammer gegangen und den Mädeln schwinden fast die Sinne beim Anblick einer Speckseite an einem Wandhaken.

Sie erhalten ein 6- Pfund -Stück und eine riesige Dauerwurst.

“Kommt mal mit,” sagt die Bäuerin und geht voran in die Scheune. Der Mann trägt nun den quengelnden kleinen Jungen.

“Sie holt uns Eier,” sagt Lilly.

Die Scheune ist feucht und kalt. Erst jetzt sehen sie in einer Ecke eine rauh gezimmerte Schlafstätte mit einer gefalteten Pferdedecke am Fussende. Die Frau hat zwanzig Eier in einen Korb gesammelt.

“Hätten Sie wohl ein paar Zwiebeln?” bittet Lilly, und sie bekommen einen Zopf.

“Robert hier wird später einen Sack Kartoffeln rüberfahren. Und möchtet ihr ein paar Möhren?” sie blickt sich um.

“Wie heisst ihr? Lilly, und du? Anna? Ihr seid wirklich liebe, gute Mädel. Gott sei mit Euch,” und sie schüttelt ihnen lange die Hände.

Als sie zurückkehren, wirkt die Stellung wie ausgestorben. Erleichtert schleichen sie mit den Schätzen in die Küche.

“Meinst du, dass Robert auf dem Bett in der Scheune schläft?” fragt Lilly, rosa im Gesicht.

“Nnnnein, aber der Kater schon. Der lässt Haare auf der Decke.”

Die Suppe, mit dem Klavier frühmorgens geliefert, ist wieder sauer, eine Komposition aus Kohl und Steckrüben ausnahmsweise. Die Mädel schliessen rasch den Deckel und melden es dem Feldwebel. Mittags machen sich Lilly, Lotte und Anna daran, rohe Kartoffeln direkt in die Gulaschkanone zu reiben und Zwiebeln zu schneiden. An diesem Abend laben sich alle an Kartoffelsuppe mit Zwiebeln, Karotten und Speck.