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Sommer 1939
Die Brauns

Auf dem Nachhauseweg von der Schule an einem Mai Nachmittag 1939, entdeckte Anna zwei neue Nachbarn – auf Rollschuhen. Sie hatte die beiden noch nie gesehen. Sie liefen sehr gut, wackelten nicht und lehnten sich auch nicht zu weit vor, und machten keine Segelarme wie Störche. Das Mädchen war ungefähr sechzehn, gross, mit dichtem dunkelbraunen Mozartzopf. Der Junge schien ein oder zwei Jahre älter zu sein als Anna.

Sie redeten miteinander, aber zuerst konnte Anna sie nicht verstehen.

“You have to watch your right foot,” sagte das Mädchen, “it has to turn more than just sideways to complete that circle you want. YES, that’s it.

That’s good!”

Anna blieb stehen und lehnte sich an die Birke vorm Nachbarhaus.

“That looked very fine,” sagte sie und lachte verlegen. Die beiden rollten mühelos auf sie zu und hielten an, ohne zu kratzen.

“Hello,” sagte das Mädchen,“ we are your new neighbours. We live just around the corner up there. My name is Alma and this is Dirk. But we can speak German as well,” und sie wechselte in ein zögerliches Hochdeutsch. “Wir sind aus Kanada,” sagte sie, “und wir sind für ein Jahr hergekommen.” Anna streckte die Hand aus.

“Ich heisse Anna. Du bist sicher der nette ‘ganz grosse Junge’, der letzten Sonntag eines dieser Schokoladenpäckchen aus den Ästen gefischt hat. Für meine kleine Schwester? Sie war ganz aufgeregt,” sagte Anna und sah ihn an.

“Ach, das hat Spass gemacht,” sagte Dirk, “und ein trauriges kleines Gesicht wurde wieder froh damit. Das Ding hatte sich da oben in dem Baum verfangen.” Er zeigte hinüber.

“Wenn ihr ein Jahr hier bleibt, geht ihr doch sicher in die Schule, oder?” fragte Anna.

“Ja richtig. Ich bin schon eingetragen,” sagte Dirk, “ein Gymnasium für Jungens.”

“Und ich kann nicht in dieselbe Schule,” sagte Alma verwundert. “Warum sind die Oberschulen nicht co-educational?”

“Na, weil ihr Mädels uns immer verdrescht,” sagte Dirk und lief sehr elegant einige Meter rückwärts.

“Das Pensum in den beiden Schulen ist ganz verschieden,” erklärte Anna.

“Soweit ich weiss, fangen die Jungens mit Französisch an, und machen gleich Griechich und Latein. Aber bei uns gibt es erst Englisch, und Französisch und Latein kommt erst zwei Jahre später. Eins davon kann man glaube ich ablegen, nach ’ner Weile. Und es sind noch andere Unterschiede – ich weiss noch nicht so genau. Obendrein gibt es auch noch zwei Oberschulen für Mädel, je nachdem, was man später studieren will. Wenn du Latein brauchst, musst du auf meine Schule.”

“Du siehst reichlich klein aus, um schon in die Oberschule zu gehen. Wie alt bist du denn?” fragte Alma.

“Ich bin zehn. Ich geh seit einem Monat hin, seit Ostern.”

“Na, wir brauchen kein Englisch und Französisch. Wir sind aus Quebec. Das sind unsere Muttersprachen. Unser Deutsch müsste eher bisschen aufpoliert werden.”

“Euer Deutsch ist doch fabelhaft. Wo habt ihr denn das gelernt?”

“Unser Vater ist in Deutschland geboren, kam als Kind nach Kanada,” sagt Dirk.

“Wir reden mit der Schulverwaltung darüber, in welche Klasse ich eigentlich gehöre. Zu Hause, in Montreal, hatte ich nur noch ein Jahr zu machen. Vielleicht prüfen sie mich erstmal.”

“Ein Klacks,” sagte ihr Bruder, “dieser Biber weiss ALLES, aber auch ALLES.”

“Dann sind wir wohl eure ersten neuen Freunde?” sagte Anna hoffnungsvoll.

“Genau genommen, nein,” sagte Alma. “Gestern habe ich schon Karlemann und Peter kennengelernt. Sie wohnen links und rechts von uns.”

“WER?” fragte Dirk. “Flirtest du schon?”

“Ja,” sagte Alma. “Sie gingen grade vorbei als ich das Tor aufmachte. Karlemann hatte eine Kröte in der Hand.”

“Eine Kröte?”

“Ja, sie wollten eben ein Messer holen und sie aufmachen, um zu sehen, was drin ist,” sagte Alma.

“Wie alt sind denn diese Kerle?” fragte Dirk. Alma sah Anna an.

“Vier und fünf,” sagte die, “sie sind so süss. Was hast du dann gemacht?”

“Ich hab die Kröte übernommen und mich mit ihnen an Peters Sandkasten gesetzt. Hab ihnen erklärt, dass es der Kröte weh tut, wenn sie sie einfach aufmachen. Aber dann habe ich mit einem Stöckchen eine Innenansicht der Kröte in den Sand gemalt.” Dirk machte lachend eine Pirouette.

“Meine Schwester versteht nichts von Kröten,” sagte er.

“Ich dachte, sie weiss alles?” sagte Anna. “Waren die beiden zufrieden?”

“Ich denke schon, ausser, dass sie einen kleinen Motor da drin vermutet hatten. Und sie waren sehr am After der Kröte interessiert. Dass die sich auch entleeren müssen.” Dirk machte einen Anlauf zu einer weiteren Pirouette, aber landete stattdessen auf dem Bauch. Lachte immer noch.

Dirk lachte oft und viel, spielte den Clown, während Alma überhaupt nichts zu tun brauchte. Sie war einfach da, mit ihrem langen Hals, anmutigen Bewegungen, den schmalen Beinen und der tiefen Stimme und sammelte sofort aller Aufmerksamkeit auf sich, sowie sie in Sicht war. Nur, dass es ihr nicht bewusst wurde. Während der nächsten fünf Jahre wollten alle Mädel zwischen zehn und vierzehn Jahren so gehen und reden wie Alma, sich mit den Fingerspitzen das Haar aus der Stirn streichen, den Rock hochstreifen und die Kniestrümpfe ganz herunterrollen und wieder hoch ziehen, und die Kuppe des linken kleinen Fingers in Gedanken in den Mund stecken, so wie Alma manchmal. Jedes Mädel wollte ein Hollandrad, mit dicken, schwarzen Reifen, wie Almas.

Für heute flitzte Dirk davon, von der Schwester gejagt. Sie winkten Anna noch zu, bevor sie auf dem Bürgersteig oben an der Ecke verschwanden.

Nach dem Abendessen ging Anna hinaus und half Vati, trockenen Pferdemist rund um die geliebten Rhododendren einzugraben. Korinna sah zu und kaute an den Nägeln.

“Heute nachmittag habe ich deinen neuen Freund kennen gelernt,” sagte Anna. “Der dir die Schokolade aus dem Baum geholt hat. Er heisst Dirk, und du hast recht, er ist wirklich sehr nett. Er hat eine grosse Schwester.”

“Wie heisst die denn?” fragte Korinna.

“Ich weiss nicht mehr, aber der Name passt gar nicht zu ihr. Gudrun oder sowas. Es sind Kanadier. Hat er dir das erzählt?”

“Nein. Wenn du ihren Namen nicht mehr weisst, kannst du sie ja einfach ‘Kanada’ nennen. Den werden sich alle merken.” Kluge Fünfjährige.

Alle wussten noch Jahre später, wie Alma ihren neuen Namen bekam, den sie übrigens viel lieber mochte als ihren eigenen.

Am Abend kramte Anna ihre Blechschachtel mit den Zigarettenbildern der Filmstars hervor,sehr eifrig gesammelt und getauscht in jenen Tagen. Zwei Marika Rökk für eine neue Zarah Leander. Anna wollte sehen, an welche Schauspielerin sie Kanada erinnerte, mit den feinen Backenknochen und makellos weissen Zähnen. Wer war es noch?

LaJana? Nein. Pola Negri? Nein. Sie gab schliesslich auf und ging schlafen. Morgen würde sie versuchen, eine Skizze von Kanada zu zeichnen. Im Profil.

Sommerferien 1939

In den letzten Julitagen sollte Anna zu Tante Marianne und Onkel Robert in die Sommerfrische an die Ostsee. Mutti hatte einen neuen Badeanzug mit Badekappe, einen weiten Rock mit Bluse und schönen neuen Sandalen gepackt.

Onkel Robert hatte Anna an dem winzigen Bahnhof abgeholt, der von Sand und Strandgrass umgeben war, doch als sie an den Wagen kam, fanden sich dort zwei grosse, lärmende Jungens auf dem Rücksitz. Innerhalb weniger Minuten stellte sich heraus, dass Anna nicht das einzige Kind war, das Onkel und Tantes Sommerfrische teilen würde, sondern Hucki und Bobby waren für die ganze Zeit ebenfalls eingeladen. Die Enttäuschung verursachte etwas Herzklopfen, aber sie setzte sich brav neben Onkel Robert.

Sofort machten sich Huck und Bobby daran, Strähnen aus ihren ordentlichen Zöpfen zu lösen, und Bobby gackerte wie ein Stall voller Hühner. Als sie ihr die Zopfbänder herausgezogen hatten und ihr Haar wild herum geblasen wurde, hielt Anna es mit beiden Händen fest, drehte sich um, sagte,

“Das könnt ihr eigentlich lassen, ja?” Onkel Robert lachte.

“Also Jungs, wir wollen nicht gleich einen schlechten Eindruck machen, oder? Wir wollen uns doch anständig benehmen.” Keine Spur wollten sie. Huck und Bobby grapschten Annas Sonnenhut und taten so, als würden sie ihn aus dem offenen Fenster schleudern, fingen sich aber und setzten ihn ihr wieder auf. Gackern.

“Du liebe Güte, ist es draussen so windig?” fragte Tante Marianne und umarmte Anna. “Komm, ich zeig dir gleich dein Zimmer.”

Jeden Sommer mieteten sie dieses grosse alte Holzhaus, mit den weiten Terrassen, der riesigen, sonnigen Küche und Plumpsklo draussen. Ein richtiges Badezimmer war nicht vorhanden.

Aber aus allen Ecken hörte man das Rauschen des Meeres, das Kreischen der Seevögel, und in drei Minuten erreichte man den herrlichsten Strand, gleich hinter den Dünen, mit angeschwemmten Schätzen. So musste das Paradies sein. Ein Paradies allerdings mit zwei dicken Poltergeistern, die angehalten wurden, jeden Morgen um sechs mit Onkel Robert den Strandlauf zu machen und jeden Nachmittag Fussball zu spielen.( Das Tor war markiert von zwei wohlplazierten Kuhfladen.) Sobald sie zu den Mahlzeiten erschienen, verwandelten sie sich in eine Landplage. Onkel Robert hatte Anna eines Morgens aufgefordert, doch mitzuspielen, “wie die Grossen”, und es war ihr nichts anderes übrig geblieben, als mitzugehen. Eine Stunde später war sie zurückgekehrt, ihr Arm nur mühsam vom Kuhmist gereinigt, aber mit der stolzen Gewissheit, als Torwart mindestens einmal den Ball gefangen zu haben. Onkel Robert berichtete amüsiert von dem Vorfall und liess Anna bei der Tante und “dem Mädel” zurück, die jeden Tag kam und im Hause aufräumte.

Tante Marianne begleitete die andern nicht zum Schwimmen oder auch nur Baden, da sie sich dieses Jahr nicht hundertprozentig wohl fühle. Sie hatte stattdessen Bücher mitgebracht und einen Strickkorb mit Wolle und strickte nun Babysocken, -mützchen und Jäckchen. Weiss und gelb. Für eine Freundin.

Anna las Tantes Bücher. “Vom Winde verweht,” “Unordnung und frühes Leid,” und “Jalna.” Tante, gelernte Säuglingsschwester, las das Neueste über Babypflege, für die Freundin.

Huck und Bobby versteckten einen Regenwurm auf Annas Kopfkissen, versenkten die neuen Sandalen in der Regentonne und streuten Sand auf ihr Butterbrot.

“Lass sie einfach links liegen,” riet Tante Marianne, aber bevor Anna das so richtig in den Griff bekam, zog der Tag herauf, an dem sie mit der grossen Fähre auf die Insel hinübersetzen und ein Picknick verzehren wollten. Sie fuhren also zum nächsten Ort und gesellten sich zu der Menge, die bereits auf der Anlegebrücke wartete, die weit ins Meer hinausragte.

Huck und Bobby kletterten auf der Reling herum, und erschreckten die Umstehenden durch wiederholte Pfiffe und Angstschreie, um sogleich wieder brav in der Menge unterzutauchen. Und dann geschah es. Ein kleiner Junge neben Onkel Robert hatte es den grossen Jungen nachmachen wollen und sich durch die Streben der Reling gezwängt, war abgerutscht und die etwa acht Meter ins Meer gestürzt. Er kam sogleich wieder an die Oberfläche, schrie und schlug um sich und schluckte Wasser. Einen kurzen Moment lang stand die Menge wie angewurzelt, dann drängten die am Ende der Schlange zum Strand zurück. Die Eltern riefen laut um Hilfe und ruderten mit den Armen. Anna hatte schon mehrere Schwimmkurse gemacht und war sicher im Wasser. Sie streifte die Sandalen ab und schwang sich über das Geländer. Das Kind strampelte und schrie und verschwand eben unter der Brücke, als sie sprang. Sie landete nur wenige Meter neben ihm und kriegte sein Hemd zu fassen, als er wieder auftauchte. Aber sie war nicht auf die Kraft eines panisch um sich schlagenden Kleinkinds gefasst. Er zog sie unter Wasser. Jemand hatte einen Rettungsring geworfen, aber der war ausser Reichweite. Wie aus weiter Ferne hörte sie eine Wolke von Geschrei. Sie hielt den Kopf des Kindes über Wasser und stiess mit den Beinen gegen den Sog der Wellen. Eben als sie Grund unter den Füssen fühlte, legte sich ein Schatten über sie, und ein immens beleibter Bademeister hob sie und den Jungen aus dem Wasser und deponierte sie am Strand.

Tante Marianne, Onkel Robert und die Poltergeister gaben gerne zu, dass sie die Inhaber der jungen Heldin seien, die soeben dankbar gefeiert wurde und lachten sogar noch, als sie einsahen, dass dies vielleicht doch nicht der ideale Tag für ein Inselpicknick war, weil Anna vor Nässe triefte und Windbön aufgekommen waren.

“Wie ein Ringkampf mit einem Tintenfisch,” grinste sie und tropfte das ganze Auto voll.

Für den Rest der Ferien wurde Anna in Ruhe gelassen und las.

“Na, wie war denn die Sommerfrische?” fragte Kanada nach ihrer Rückkehr. Und Anna hatte sorgfältig das Wort “splendid” gewählt. Es sollte angemessen klingen.

“Und wie war’s bei euch?”

“Tja, meine Eltern denken daran, nach Hause zu fahren,” sagte Kanada. “Es ist alles ein bisschen mulmig. Wir packen vielleicht schon nächste Woche.” “Ach nein! Bitte nicht. Wir würden euch so vermissen!”

Die Brauns fuhren vorerst nicht, aber vierzehn Tage später, am 1. September, 1939, marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein.

“Erwiderte ab heute das Feuer…”, wie ein Regierungssprecher formulierte.

Annas, Nadjas und Korinnas Vater, Reserveoffizier in einem Reiterregiment noch vom Weltkrieg her, legte die Uniform an und zog in den Krieg.

März 2000

Jetzt entdeckt Anna einen grauen, abgewetzten Umschlag. Er enthält mehrere linierte, grüne Seiten. Sie erkennt ihre eigene ordentliche Kinderhandschrift in Tinte, ausgebleicht aber noch lesbar. Ganze Zeilen sind ausgestrichen, verbessert, Wörter ersetzt.

Berlin, 20. April, 1945, liest sie. Und in der Mitte darunter, in Blockbuchstaben:

MEIN LETZTER WILLE.

Rasch steht sie auf.

“Ich muss mal zum Klo,” sagt sie und ist schon zur Tür hinaus, in der Hand die zerknüllten Seiten.

“Anna?” Die Schwestern stehen vor der Toilette.

“Du bist schon reichlich lang da drin. Willst du nicht rauskommen? Wir haben eben Tee bekommen.”

“Ich brauche keinen Tee. Brauche ’nen Eimer. Lasst mich mal,” sagt Anna hinter verschlossener Tür.

“Hat sie das eigentlich aus Kanada, diese Reserve, dieses Gefühle-verbergen?” fragt Nadja, als sie wieder im Zimmer sind.

“Nein,” meint Korinna, “das ist immer schon Anna. Weisst du nicht mehr? Sie hat doch immer gemeint, sie dürfte nicht zur Pfütze zerfliessen, wenn es hart auf hart ging. Keine Tränen! Weisst du nicht mehr?”

“Hm. Hast du gesehen, was sie in Muttis Umschlag gefunden hat?”

“Nein. Keine Ahnung.”

“Dann sollten wir dieses vielleicht erstmal beiseite lassen. Ein Baby-Tagebuch. Riech mal, Mausepipi?”

“Igitt – ich wette, aus der Berliner Spedition. Das kriegen wir nie wieder raus.”

“Hier ist eine von ihren zip-lock Tüten. Wir können’s da drin verwahren , in meine Tasche tun – oder lieber deine,” sagt Korinna und grinst die Schwester an.

“Korinna? Lass uns in einigen Monaten mal zusammenkommen und das Tagebuch lesen.”

“Ja, da kommt sie. Hol den Tee.”

Nachdem sie die anstössigen Seiten in der Toilette versenkt hat, noch heftig mit der Bürste nachgestochert, das Gesicht restauriert, kommt die Schwester zurück.

“Ach was ist denn das?” “ Muttis handgeschriebenes Kriegsrezept für ihre Nusstorte,” sagt Korinna.

“Ich will eine Fotokopie,” sagt Anna und schliesst die Tür hinter sich.

Nusstorte-Rezept

Nusstorte-Rezept